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VW-Abgas-Probleme: Alle vermuten wir vermuten mit

Mit etwas Nachdenken kommt Heiko Portale weiter als die meisten deutschen Mainstream-Medien. Lesen Sie sein Feuilleton in GT – dem deutschen Online-Magazin für Politische Kultur und Mobilität – www.gt-worldwide.com

VW-Abgas-Probleme: Alle vermuten  wir vermuten mit

(NL/6992538822) Hat es da nicht im April diese Jahres einen Kampf um die Chefetage bei VW gegeben? Und vor einigen Jahren den Versuch von Porsche, VW zu übernehmen? Viele Jahre ging die Abgastäuschung bei VW gut, so gut, dass sich sogar eine ganze Abteilung verselbständigte und unabhängig von der Chefetage darum gekümmert hat; dort wurde eine intelligente Software entwickelt, die nur eingriff, wenn ein Testverfahren lief. Tolle Idee.

Zu Martin Winterkorn. Der Professor ist ein Typ „solider Handwerker“. Einer, dem man zutraut, Dinge zu lösen, auf einfache und wirkungsvolle Weise. Intrigen scheinen ihm fern. Er macht lieber Nägel mit Köpfen. Nachdem sich der Vorstandsvorsitzende dann aber gegen alles im Konzern behauptet hat, was sich ihm in den Weg warf, war er plötzlich doch am Ende des Weges angekommen. Da hat irgendjemand mit so viel Dreck geworfen, dass selbst ein Saubermann wie Winterkorn darin untergehen musste.

Das Erstaunliche ist, dass man nicht genau weiß, woher denn der Dreck kommt. Erstaunlich vor allem deshalb, weil es nun plötzlich ein einzelner Mann gewesen sein will, der mit einer neuen Methode dem Abgastrick auf die Schliche gekommen sein soll. (Für kritische Zeitgenossen ist das etwa so glaubwürdig wie die Theorie eines Einzeltäters, der Ex-Präsident Kennedy erschossen haben soll.) Wir Autotester denken natürlich auch an Schweden, wo ein einzelner Kollege einfach mal ein Auto umgeworfen hat, als er einem „Elch“ ausweichen wollte. Er hat damit einen ganzen Konzern zum Zittern gebracht. Eigentlich auch eine tolle Idee.

Und wie gesagt: Man kann das alles glauben, muss es aber nicht. Kaum einer, der Autos testet, kann es sich tatsächlich leisten, die Wagen wirklich auf Herz und Nieren zu schrubben, dass er solche nicht vorhandenen, inneren Werte wirklich nachweisen kann. Und selbst wenn, so besteht immer noch die Möglichkeit, dass da mal was kauptt geht oder schon kaputt gewesen ist. Ein Einzelfall wäre das dann gewesen, wird die Firma möglicherweise sagen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir fragen uns: Welche Gewalten wirken denn nun im aktuellen Fall der Volkswagen AG?

Viele Theorien kursieren. Und ehrlich gesagt fast alle scheinen mir glaubwürdiger als die bisher als „Wahrheiten“ ans Tageslicht gezerrten Enthüllungen von EPA, US-Justizministerium und Co. … ohne Anspruch auf Vollständigkeit reihen wir deshalb hier kommentarlos ein paar Tatsächlichkeiten aneinander: Ein ausländischer Konzern fasst in Amerika mit einer neuen Technik langsam Fuß. Der Ami mag den Diesel nicht. Benzin ist so günstig, dass der gemeine amerikanische Autofahrer gar nicht nach einem günstigeren Diesel Ausschau halten muss. Die Diesel arbeiten aber zuverlässiger und die Motoren sind langlebiger als die amerikanischen Wagen. Zuverlässigkeit und Langlebigkeit? Damit punktete doch auch ein weiterer ausländischer Konzern in den USA. Dann gab es auch mal eine Zeit, in der mehrere amerikanische Autofahrer Gaspedal und Bremse verwechselten und hinterher vor Gericht aussagten, das Gaspedal habe blockiert. Toyota hatte plötzlich ein Problem. Immer mehr Leute tauchten auf und hatten die selben Probleme in ihren Autos. Die Welt berichtete in großen Lettern. Ein Desaster für die Japaner. Dass letztlich der Nachweis geführt wurde, dass alles nicht stimmte, fand außer viellleicht in Autoforen -, wenig Beachtung. Der Konzern blutet noch heute.

Nun stehen plötzlich Milliarden an Strafzahlungen gegen Volkswagen in der Diskussion. Das Geld können die üblichen Verdächtigen Dollarfresser in der US-Amerikanischen Regierung sicher gut gebrauchen. Und: Dieser Fall wird auch nur die Probe aufs Exempel sein, um sich danach auch an anderen ausländischen Konzernen gütlich zu tun. Mercedes und BMW sind erstaunlich ruhig derzeit, werden kaum befragt und sind aber sicher aufgeschreckt, was ihre Abgastest denn so wirklich aussagen.Aus dem Nichts taucht überdies Ferdinand Piech wieder auf, der bekanntlich Unterlegene im Machtkampf bei VW und, wie wir jüngst lesen können, erhöht er seine Anteile am VW-Konzern. Ist die ganze Chose nun ein abgekartetes Spiel? Hat der Mann einfach nur hart an seinem Widereinstieg gearbeitet? War er überhaupt jemals aus dem Rennen?

Dass in Zukunft ein Mann aus dem Porsche-Imperium an der Spitze des VW-Aufsichtsrates agiert ist gewiss nur ein Zufall?

Sicher ist Herr Müller sehr erfahren, sicher hat er viel drauf. Sicher ist aber auch, dass nun neue Strukturen im VW-Konzern geschaffen werden. Sicher wird der Konzern nicht untergehen. Sicher wird die Millardensumme gestemmt dafür ist das Schiff VW einfach zu groß und zu rentabel. Vermutlich wird es nicht zu einem Prozess kommen, sondern irgendwie, irgendwo, irgendwann im Vergleich enden, der natürlich genauso teuer ist, aber eben keine Verurteilung zur Folge hat.

Wer werden die Gewinner sein? Ferdinand Piech und seine Entourage wird am Ende fester denn je im Sattel sitzen und die Geschicke des Konzern bestimmen. Ob das gut oder schlecht ist, wird eine neue Geschichte.

Cypress Hill, eine einflussreiche kalifornische HipHop-Crew der 90er-Jahre, sang einst: „When the ship gets down you better be ready.“

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