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Stille Seuche auf Bauernhöfen macht Angst

Berlin (wnorg) – Tote Tiere, hilflose Landwirte. Ob Rinderwahnsinn, Geflügelpest oder die Maul-und-Klauen-Seuche, immer wieder sind in den vergangenen Jahren Tierseuchen aufgetreten. Begleitet von Medienrummel und politischem Aktionismus. Nahezu unbemerkt breitet sich aber eine Krankheit aus, die seitens der Behörden in keiner offiziellen Statistik geführt wird. Chronischer Botulismus heißt das Schreckgespenst, vor dem vor allem Landwirte in Norddeutschland zittern. Ganze Rinderherden verenden an einer schleichenden Vergiftung, ausgelöst durch das Bakterium Chlostridium Botulinum. Inoffizielle Schätzungen gehen davon aus, dass in den vergangenen Jahren Hunderte wenn nicht sogar Tausende Höfe betroffen waren.

Botulinum Toxin wirkt langsam, die Symptome sind diffus, eine Diagnose daher schwierig. Wissenschaftler und Tiermediziner streiten hartnäckig darüber, ob es den chronischen Verlauf des Botulismus überhaupt gibt. Dennoch haben Botulismus-Experten unter anderem an Höfen in Niedersachsen und Mecklenburg nachgewiesen, dass der dortige Viehbestand dem Bakterium zum Opfer fiel. Die Rinder zeigten Symptome wie Durchfall, Bewegungsstörungen und allgemeine Schwäche. Viele Kälber kamen tot zur Welt. Auch bei den Landwirten und ihren Familien zeigten sich teils schwere Krankheitsverläufe. Bei Menschen macht sich eine Infektion mit Botulinum Toxin durch eine Beeinträchtigung des Nervensystems bemerkbar: Lähmungen und Störungen in der Muskulatur, starke Müdigkeit. Auch Durchfall, Blasenstörungen oder Verstopfung werden diagnostiziert.

Zwar bessern sich die Symptome, sobald ein Mensch dem Auslöser nicht mehr ausgesetzt ist, werden aber zu große Mengen an infizierter Nahrung aufgenommen, kann der chronische Botulismus zum Tod führen. Im Gegensatz zu akutem Botulismus ist der chronische Krankheitsverlauf nicht meldepflichtig, Daten für eine Fallstatistik fehlen deshalb. Auch dieses Vorgehen halten Botulismus-Experten für fahrlässig: Da die Krankheit offiziell nicht anerkannt ist, müssen die Höfe auch nicht gesperrt werden, verseuchte Erzeugnisse dürfen weiterhin verkauft werden. Für die Landwirte gibt es zudem keine finanzielle Entschädigung wie es bei anderen Tierseuchen der Fall ist. Betroffene Bauern stehen somit häufig vor dem Ruin.

Seitens der Politik wird zum Teil beruhigt der der chronische Botulismus als nicht ausreichend bewiesene These „Hypothese“ abgetan. Diese, so das Bundeslandwirtschaftsministerium, diene „zur Erklärung eines unspezifischen Krankheitsbildes“. Schnell bei der Hand sind oft auch Erklärungen wie schlechte Haltungsbedingungen und mangelnde Hygiene.

Da die Zahl der Krankheitsfälle in den vergangenen Jahren zugenommen hat, suchen Botulismus-Experten verstärkt nach den Ursachen für die Verbreitung des Bakteriums. Vor allem die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft rückt dabei in den Fokus. Ist es die Massentierhaltung in nicht artgerechten Ställen? Sind es Wildtiere, die von Erntemaschinen erfasst werden und als Kadaver mit dem Futter verarbeitet werden?

Eine andere Theorie nimmt die Biogasanlagen ins Visier: Mit Chlostridien verseuchter Gärschlamm wird demnach als Dünger auf Feldern mit Futterpflanzen verbreitet. Bis jetzt forschen nur wenige Mediziner, Mikrobiologen und Neurologen an Ursachen, Verbreitung und Krankheitsverlauf einer Infektion mit Botulinum Toxin. Zwar sehen Experten bislang noch keine weitreichende Gefährdung der Verbraucher – da das Krankheitsbild aber noch so gut wie unerforscht ist, bleibt das genaue Ausmaß der Verbreitung im Dunkeln. Langfristig, so die Befürchtung, könnte das Bakterium in größeren Dimensionen in der Nahrungskette Fuß fassen.

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