Gedanken nach der beachtenswerten ARD Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“
Die ARD Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“ hat in diesem Monat zu später Sendezeit immerhin 2 Millionen Zuschauer vor den Fernsehapparat gelockt. In der ARD Mediathek konnte die 30 Minuten dauernde Dokumentation mit mehr als 1,5 Millionen Klicks sogar den Tatort schlagen. Und der Film hat eine politische Diskussion über Amazon im Besonderen, über Leiharbeit im Allgemeinen und über Boykott-Aufrufe in den Social Media Portalen ausgelöst. Solche Filme braucht das Land.
Wahre oder erfundene Geschichten
Für die ARD ist die Amazon Dokumentation einer der größten journalistischen Erfolge ihrer Geschichte. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auf allen TV-Sendern, vor allem bei den Privaten, immer mehr Reportage Plätze in die Nacht geschoben werden oder ganz weg fallen. Der Quotendruck und der Zwang zu kostengünstigeren Produktionen hebt immer mehr Pseudo-Dokusoaps, jetzt sogar mit 30 Kameras aus einem Berliner Kreissaal, ins Programm. Laienschauspieler lernen Fünf-Zeilen-Texte, Autoren kritzeln ihre Vorstellung vom Leben in Drehbücher und am Ende glauben die Zuschauer an ein gescriptedes Leben.
Scripted Reality verändert die Sehgewohnheiten
Es ist ein schleichender Prozess. Scripted Reality verändert die Sehgewohnheiten der Zuschauer. Trash verdrängt Information. Banalitäten ersetzen Unterhaltung. Was die Privaten vorlegen, wird von den Öffentlich Rechtlichen kopiert. Trotz Fernsehgebühren und Informationsauftrag. Damit schaufeln sich ARD und ZDF das eigene Grab. Der NDR hat jetzt in einem Positionspapier über die Möglichkeit nachgedacht, tatsächliche Begebenheiten aus dem wahren Leben im Dokumentarstil nachzuerzählen. Man nennt das „Reenactment“ (Wiederaufführung, Nachstellung).
Für was zahlen wir Fernsehgebühren?
Die Rechnung der Fernseh-Verantwortlichen ist ganz einfach. Dreißig Minuten Scripted Reality oder Reenactment kosten zirka 30.000 EURO. Ein fiktionales Format dagegen schon das Zehnfache und eine TV Dokumentation wie über die Amazon Praktiken von der Recherche über den Dreh bis zur Ausstrahlung das Zwanzigfache. Der Blick hinter die Kulissen, das Aufdecken von Unzulänglichkeiten und das Hinterfragen bei unklaren Sachverhalten – all das braucht eine funktionierende Demokratie. Denn Beiträge wie der über den Leiharbeiter-Skandal beim Versandriesen Amazon können die Welt zum Besseren verändern.
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Filmproduzent, Journalist und Medientrainer, Presse und Öffentlichkeitsarbeit, integraler Coach und Berater
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