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Spannung, Abgründe und die Suche nach Gerechtigkeit

„Der Konflikt zwischen Recht und Gesetz ist so alt wie die menschliche Gesellschaft“

Ein Kultursoziologe über Selbstjustiz im Film.

Sacha Szabo im Gespräch

Ein Thema, das in Filmen der unterschiedlichsten Genres auftaucht ist, dass der Held das Recht in die eigenen Hände nimmt. Dieses Thema scheint in den siebziger Jahren in immer neuen Variationen. Dabei reicht das Spektrum von Selbstjustiz bis hin zu konsequenter Auslegung von Gesetzen. Hintergrund für die Faszination dieses Motivs ist in gesellschaftlichen Strukturen zu vermuten. Der Staat – so die Idealvorstellung – bekommt das Gewaltmonopol verliehen und schützt im Gegenzug seine Bürger. Was aber, wenn der Staat irrt. Wir sprachen mit dem Freiburger Soziologen Dr. Sacha Szabo , der für das Institut für Theoriekultur Alltagskulturen untersucht über die Konflikte, die in diesen filmischen Motiven deutlich werden.

Warum ist das Thema, das „Recht in eigenen Hände“ zu nehmen in Filmen so beliebt?
Sacha Szabo: An diesem Thema stoßen zwei Bereiche der gesellschaftlichen Plattentektonik zusammen. Einerseits der Mensch als Individuum, andererseits der Mensch als gesellschaftliches Wesen. Aus diesen Überlegungen sind letztlich ja auch die zwei politischen Lager entstanden, die man mit dem Zusammenbruch des Ostblocks zu überwinden glaubte. Aber selbst in Amerika gibt es einen Konflikt inwiefern die Gesellschaft für den Einzelnen handeln soll und wie selbstständig er sein darf. Das Waffengesetz ist für uns Europäer einer der sichtbaren Konfliktpunkte, die hochemotional aufgeladen sind. Die gesetzliche Krankenversicherung ein anderer, einer der für unser Verständnis kaum verständlich ist.

Was hat das jetzt mit den Filmen zu tun?
Sacha Szabo: Nun, es gibt zwei Dinge die man unterscheiden muss. Das Recht und das Gesetz. Im Idealfall sind diese deckungsgleich, dann sind wir auch mit einer Entscheidung einverstanden. Sind sie es aber nicht, dann regt sich in uns der Unmut. Wie können sie nun nicht deckungsgleich sein? August von Hayek unterschied diese beiden Instanzen dahingehend, dass Recht gesprochen wird. Also erst wenn ein konkreter Fall vorliegt beginnt die Suche nach einem gerechten Urteil. Dies ist was zum Beispiel in der Jury abgebildet wird. Die Gesetzgebung hingegen versucht auf jeden möglichen Fall schon eine Antwort zu geben, schon lange bevor dieser überhaupt eingetreten ist. Nun kann es sein, dass das Gesetz, das ohne konkreten Fall konzipiert wurde, genau in diesem Fall als ungerecht empfunden wird. Folgt man dieser Unterscheidung, so liegt die Rechtsempfindung in der Moral des Einzelnen verankert, das Gesetz aber wird durch den Staat durchgesetzt. Hier haben wir den Konflikt zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft.

Was ist nun wenn Recht und Gesetz nicht identisch sind?
Sacha Szabo: Sind Sie es nicht, so hat das Individuum den Eindruck, dass das Gesetz den Täter schützt aber nicht das Opfer. Dieser Konflikt ist nun so brisant, dass daraus die unterschiedlichen massenkulturellen Thematisierungen entstehen. Es sind Thriller, in denen der Polizist in seinem Rechtsempfinden gekränkt wird und nun das Recht in die eigenen Hände nimmt. Es sind Thriller, die Selbstjustiz thematisieren. Häufig spielt hier auch ein verständnisvoller Polizist mit und es sind die unterschiedlichsten Verschwörungsthriller, bei denen eine Aushöhlung des Gesetzes stattfindet. Es wird von den Mächtigen einfach nicht beachtet und nun nimmt der Protagonist das Recht in die eigenen Hände.

Wie wird dieser Konflikt gelöst?
Sacha Szabo: Die Situation ist paradox. Der Protagonist weiß häufig, dass er gegen das Gesetz verstößt. Der Zuschauer kann natürlich nicht mit dieser Situation entlassen werden, also muss der Held wieder in den gesetzlichen Rahmen integriert werden. Meist geschieht dies durch einen verständnisvollen Gesetzesvertreter.

Sie sagen das ist typisch für Amerika. Warum ist es dann für Europäer so spannend diese Filme zu sehen?
Sacha Szabo: Wir erleben es im Übrigen fast tagtäglich dass Mächtige glauben, dass für sie die Gesetze nicht gelten. Oder die Gesetze werden für die Vorteile der Mächtigen extra verfasst. Ja, es entsteht das Gefühl eines rechtfreien Raums. Gleichzeitig sind auch die ohnmächtigsten nicht mehr durch das Gesetz kontrollierbar. So entsteht das Gefühl, das Gesetz schützt nicht mehr einen selbst und damit wird das Rechtsempfinden gekränkt. Dies macht diese Filme auch für uns so attraktiv. Recht und Gesetz sind zwei Pole, die bei aller Schwierigkeit zu einem Duopol verschmelzen sollten. Geschieht das nicht, dann gerät das Verhältnis von einzelnen und Gesellschaft in Konflikt. Diese Ambivalenz von Individuum und Staat findet sich ja in den unterschiedlichsten Staatsphilosophien. Von Kontrolle bis Laissez Faire. Das sind eben auch die unterschiedlichen Staatsphilosophien, nicht nur in Europa, sondern weltweit und bei jeder ist dieses Verhältnis anders gewichtet. Damit kommt diese Grundspannung des Menschen, Zoon Politicon und Idiotes zugleich zu sein, zum Ausdruck.

Was bitte?
Sacha Szabo: Der Mensch ist gleichzeitig ein gesellschaftliches Wesen und auch ein Individuum. Beide Bereiche müssen befriedigt werden. Dieser Konflikt ist so alt, wie es menschliche Gesellschaft gibt.

Vielen Dank für das Interview.

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