Virtuell auferstanden aus Ruinen – Der historische Stadtraum im Herzen von Nürnberg wird interaktiv erlebbar

Im Nürnberger Rathaus werden Anfang Juli die Ergebnisse des innovativen Forschungsprojektes TOPORAZ (Nürnberger Topographie in Raum und Zeit) präsentiert. Ein interdisziplinäres Wissenschaftler-Netzwerk, an dem FIZ Karlsruhe als Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur sowie die Universitäten Greifswald, Köln und Darmstadt beteiligt waren, hat Neuland betreten. Dreidimensionale digitale Modelle rekonstruieren den Nürnberger Stadtraum von der Barockzeit bis zur Gegenwart. Sie wurden mit zahlreichen historischen Quellen und Bildern vernetzt. Nach drei Jahren ist so eine virtuelle Forschungsumgebung entstanden, die nicht nur neue Einblicke für die interessierte Öffentlichkeit ermöglicht, sondern auch innovatives Arbeiten und Publizieren in den Digitalen Geisteswissenschaften.

Karlsruhe/Nürnberg, 5. Juli 2018 – Nürnberg eignet sich als Prototyp für das neuartige digitale Raum-Zeit-Modell in idealer Weise: Die Stadt Albrecht Dürers war über Jahrhunderte hinweg von größter künstlerischer und historischer Bedeutung, eine Metropole in der Mitte Europas. Ihre Archive und Sammlungen bewahren riesige, teilweise der Öffentlichkeit unbekannte Schätze. Nach den verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg war die Nürnberger Altstadt weitgehend verloren – mit TOPORAZ entsteht sie auf wissenschaftlicher Basis virtuell neu und wird interaktiv zum Leben erweckt. Das zentrale Stadtviertel um den Hauptmarkt wurde in vier Zeitebenen digital rekonstruiert – von der Barockzeit bis zur Gegenwart (17.-21. Jahrhundert). Die Forschungsumgebung kombiniert dreidimensionale Modelle mit historischen Karten, Forschungsliteratur und ganz unterschiedlichen Quellen (Texte, Bilder). Ergänzt wird das Angebot durch umfassende Suchfunktionen, die schnelle Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen ermöglichen: Wie hat sich der Stadtraum über die Zeit verändert? Wo befanden sich im historischen Nürnberg Apotheken, Bäckereien oder Gaststätten? Wer lebte in den Häusern, und was wissen wir über ihre Bewohner? Antworten, die nicht nur für Forschende, sondern auch für Bürgerinnen und Bürger von Interesse sein dürften.

Damit eröffnet die virtuelle Forschungsumgebung neue Wege zur Erforschung der Geschichte und Kultur Nürnbergs im Wandel der Zeit. Sie ermöglicht neue Publikationsformen jenseits des gedruckten Buches im Sinne von Open Science, und sie fördert die aktive Beteiligung interessierter Bürger (Citizen Science). „Nur durch die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Kooperationspartner konnten wir mit TOPORAZ die Potenziale einer solchen virtuellen Forschungsumgebung aufzeigen. Es freut uns sehr, wie positiv die Projektergebnisse durch die wissenschaftliche Community der Geisteswissenschaften, durch Archive und Museen, insbesondere aber die Stadt Nürnberg aufgenommen wurden“, so Projektkoordinator Matthias Razum von FIZ Karlsruhe. „Mit TOPORAZ steht ein innovatives Werkzeug für die Erforschung der Nürnberger Kultur zur Verfügung, das ohne Beispiel ist und für uns als Forscher den Weg in die Digitalen Geisteswissenschaften weist. Hier haben wir einen ebenso anschaulichen wie umfassenden Zugang zur Vergangenheit, und zwar nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für engagierte Bürger“, ergänzt der Kunsthistoriker Prof. Dr. Gerhard Weilandt von der Universität Greifswald.

Die Leibniz-Gemeinschaft ermöglichte finanziell die interdisziplinäre, arbeitsteilige Zusammenarbeit an TOPORAZ: Matthias Razum und sein Team entwickelten Datenstrukturen und Software bei FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur und übernahmen die Koordination des Gesamtprojektes. Für die Erforschung der kunsthistorischen Zusammenhänge waren Prof. Dr. Gerhard Weilandt (Universität Greifswald), für die architekturhistorischen Aspekte sowie die Georeferenzierung und Vektorisierung historischer Karten waren Prof. Dr. Norbert Nußbaum (Universität Köln) mit ihren jeweiligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verantwortlich. Die dreidimensionalen Modelle entwarf das Team von Dr.-Ing. Marc Grellert (TU Darmstadt). Die Bayerische Nationalbibliothek, das Staats- und das Stadtarchiv Nürnberg sowie das Germanische Nationalmuseum unterstützten als assoziierte Partner das Projekt und stellten digitalisierte Quellen, Bilder, Pläne, bibliographische Daten und digitalisierte Forschungsliteratur zur Verfügung.

FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur ist eine gemeinnützige GmbH und hat als eine der großen außeruniversitären Informationsinfrastruktureinrichtungen in Deutschland den öffentlichen Auftrag, Wissenschaft und Forschung mit wissenschaftlicher Information zu versorgen und entsprechende Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Hierfür erschließt FIZ Karlsruhe sehr große Mengen an Daten aus unterschiedlichsten Quellen, entwickelt und betreibt innovative Informationsservices sowie e-Research-Lösungen und führt eigene Forschungsprojekte durch. FIZ Karlsruhe ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, unter deren Dach 93 Einrichtungen vereint sind, die Forschung betreiben und wissenschaftliche Infrastruktur bereitstellen.

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