Das Industriedilemma „made in Germany“

-44 Prozent der Stahl- und Metallverarbeiter spüren Rückgang
-Deutschland schlecht bei Stromkosten, Bürokratie und Infrastruktur
-Prio 1 auf To-do-Liste: langfristig wettbewerbsfähige Energiepreise und weniger Papierkrieg

Die aktuelle Industriepolitik gefährdet das ganze Land, kritisiert Christian Vietmeyer

Düsseldorf/Hagen, 04. Juni 2024. Dilemma „made in Germany“: Die Produktion geht zurück, Aufträge fehlen. „Laut ifo-Umfrage spüren 44 Prozent der Unternehmen in unserer Branche Rückgänge“, so Holger Ade, Leiter Industrie- und Energiepolitik beim Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung. Störfaktoren und Investitionsbremsen sind u. a. Energiekosten und Bürokratievorgaben. Das Dilemma ist hausgemacht, der WSM fordert schnell bessere Standortbedingungen. Ade: „Während unsere Wachstumsraten in der Stahl- und Metallverarbeitung 2023 wieder um 3,1 Prozent sanken, stiegen sie in der Türkei um 10,2 Prozent an. Und auch Frankreich lag leicht im Plus.“

Deutschland im Ländervergleich: zu teuer, zu lahm, zu marode
Woanders läuft es runder: In Frankreich zahlt die Industrie aktuell 13,84 Cent für Strom, in den USA nur 7,1 Cent. Bei uns sind es fast 18 Cent. Zudem kostet die hiesige Bürokratie zu viel Zeit: Deutschland rangiert bei der Verwaltungsdigitalisierung für die Wirtschaft im EU-Vergleich auf Rang 18 – dies zeigte eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln im letzten Jahr. Der bürokratische Aufwand für eine A1-Bescheinigung verschlingt laut Prognos gut 10 Euro, in Österreich und Frankreich sind es nur rund 7 Euro. Auch die Zeche für infrastrukturelle „Sparmaßnahmen“ zahlt die Industrie. Mit 2,10 bis 2,69 Prozent des BIP investiert Deutschland hier seit Jahren zu wenig – EU-weit liegt der Invest laut Statista bei durchschnittlich 3,25 Prozent. Die WSM-Kampagne „Wir. Formen. Fortschritt“ zeichnet auf ihren Social-Media-Kanälen aktuell weitere Ländervergleiche auf, bei denen Deutschland schlecht abschneidet. Der Standort ist teuer, lahm, marode und zu wenig industrieinteressiert. Die Folge: Unternehmen investieren weniger oder woanders.

Nachfrageschwäche aus dem Maschinenbau: Indiz für fehlende Investitionen
„Unsere WSM-Unternehmen leiden unter der Nachfrageschwäche aus dem Maschinenbau. Sie ist ein Indiz dafür, dass dieser Sektor weniger investiert“, unterstreicht Holger Ade. Im März gab es in der Stahl- und Metallverarbeitung – anders als in anderen Produktionsbereichen – zwar ein 9-prozentiges Produktionsplus gegenüber Februar. Dennoch ist auch hier die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um knapp 6 Prozent gesunken.

Problemlöser: stabile Energiepreise und dauerhaft niedrigere Netzentgelte
„Dringende Aufgabe der Politik ist es, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen“, fordert der Verband. Ganz oben auf der To-do-Liste stehen für den WSM langfristig wettbewerbsfähige Energiepreise statt temporärer Entlastungen. Hauptgeschäftsführer Christian Vietmeyer: „Vorübergehende Preisbremsen und Stromsteuersenkungen sind keine Problemlöser. Problemlöser sind stabile Preise und dauerhaft niedrigere Netzentgelte. Nur so können Unternehmen langfristig und verlässlich planen.“

Problemlöser: Bürokratie entschlacken und vereinfachen
Auch die zweite Investitionsbremse ist hausgemacht: das lähmende Bürokratiemonster mit Papierkrieg, unkomfortablen Abläufen, teuren und langwierigen Genehmigungsverfahren. „Die Politik muss Vorgaben und Regularien entschlacken und vereinfachen. Dann fassen Unternehmen wieder Mut zu investieren“, unterstreicht WSM-Hauptgeschäftsführer Christian Vietmeyer. „Die aktuelle Industriepolitik gefährdet das ganze Land. Wir sind eine produzierende Nation ohne ausreichend Alternativen.“

Die Stahl und Metall verarbeitende Industrie in Deutschland, das sind: rund 5.000 vorwiegend familiengeführte Betriebe, die mit über 500.000 Beschäftigten über 80 Milliarden Euro Umsatz im Jahr erwirtschaften. Die Unternehmen beschäftigen im Durchschnitt 100 Mitarbeiter und sind mit Abstand die wichtigsten Kunden der Stahlerzeuger.
Die Branche zeichnet sich durch hohe Spezialisierung und Wettbewerbsintensität aus. Die Unternehmen fertigen für die internationalen Märkte der Automobil-, Elektro- und Bauindustrie, den Maschinenbau und den Handel.
Der WSM ist Dachverband für 14 Fachverbände. Zusammen bündeln sie die Interessen einer der größten mittelständischen Branchen in Deutschland und sind Sprachrohr für deren wirtschaftspolitische Vertretung auf Länder-, Bundes- und europäischer Ebene. Sie suchen den Ausgleich mit marktmächtigen Abnehmern und Lieferanten aus Industrie und Handel. Und sie fordern bessere Rahmenbedingungen für Wachstum, Dynamik und Wettbewerb – ob bei Steuern, Abgaben, Recht, Forschung, Umwelt, Energie oder Technik.

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