Antibiotikamisere beim 23. Eppendorfer Dialog

Zurück in eine Vor-Penicillin-Ära oder gewappnet gegen Resistenzentwicklung?

Referenten Höhl, Leonhardt, Kraft, Buyx, Connemann und Chairman Jockwig (v.l.n.r.) (Bildquelle: @ Jakob Börner)

Wenn wir jetzt nicht ganz schnell auf allen Ebenen reagieren, werden sich Antibiotikaresistenzen zur weltweit größten Gesundheitsgefahr entwickeln. Das Szenario, das die Experten beim 23. Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik zeichnen, ist zunächst düster. „Bei der bisherigen Entwicklung können wir davon ausgehen, dass bis zum Jahr 2050 jährlich zehn Millionen Menschen weltweit durch multiresistente bakterielle Erreger sterben“, erklärt Dr. Rainer Höhl, Oberarzt am Institut für Klinikhygiene am Klinikum Nürnberg. Greift das Rationalisierungsbemühen nicht, wird die Frage nach Rationierung gestellt werden müssen. Das bedeutet die Einschränkung des Antibiotika-Verbrauchs – und ein ethisches Dilemma. „Wer will über die Bedingungen entscheiden, unter denen Gemeinwohl vor Individualwohl steht?“ fragt Prof. Alena Buyx, Medizinethikerin an der TU München. Insbesondere mit dem Wissen, dass damit ein erhöhtes Todesrisiko der Patienten in Kauf genommen wird. Bei Bronchitiden wird die relative Sterblichkeit um ein Prozent steigen.

Aber es gibt Licht im Dunkeln: Strategien, die greifen, sofern sie konsequent umgesetzt werden. Die Gesundheitspolitik hat die Gefahr erkannt und mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie DART 2020 sektorübergreifende Maßnahmen zur Bekämpfung der Resistenzen entwickelt. Die politischen Mühlen mahlen langsam, gibt Gitta Connemann, in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion u. a. für gesundheitlichen Verbraucherschutz zuständig, während der Hamburger Expertendebatte zu. Inzwischen ist man in der Veterinärmedizin, wo Monitorings vorgeschrieben sind, weiter als in der Humanmedizin, wo es immer noch keine verlässliche Datenerfassung gibt. Ohnehin können nationale Alleingänge in der globalen Welt nur ein Ansatz sein; es müssen verbindliche internationale Lösungen her. Allerdings fehlt hier in vielen Punkten noch der Konsens. Was gut zu funktionieren scheint, ist das Modellprojekt RESIST des Verbands der Ersatzkassen vdek, eine bis März 2020 laufende Interventionskampagne mit 2.460 Ärzten (HÄ, HNO PÄD) und einem großen Portfolio von Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen. Ute Leonhardt vom vdek zeigt in einer ersten Zwischenbilanz, dass die Antibiotikaverordnungsrate bei der Indikation „Infektion der unteren Atemwege“ bei Nicht-Teilnehmern 49 Prozent beträgt, während es bei den RESIST-Teilnehmern lediglich 36 Prozent sind.

Auch Alternativmedikamente zu Antibiotika müssen stärker berücksichtigt werden. Etwa bei grippalen Infekten, wo rund 30 Prozent der Antibiotika sinnlos verordnet werden. „Bei 90 Prozent der Atemwegserkrankungen brauchen wir keine antibiotische Therapie. Es können antieffektive pflanzliche Arzneimittel eingesetzt werden wie es die neuen Leitlinien zur Therapie von Rhinosinusitis, Husten und unkomplizierten Harnwegsinfekten empfehlen“, erklärt die Professorin für Naturheilkunde Prof. Dr. med. Karin Kraft. Arzneipflanzen und deren ätherische Öle wirken klinisch bestätigt antiinfektiv. Eine Kombination von Eukalyptus-, Süßorangen-, Myrten- und Zitronenöl hat sich bei Erkältungskrankheiten als sehr wirksame Therapieoption bewährt. Prof. Kraft fordert für die nebenwirkungsarmen und Resistenz-freien Phytoarzneimittel eine verstärkte Förderung und Forschung.

Über allem steht ein grundsätzlich richtiger Umgang mit den zur Verfügung stehenden Antibiotika. Resistenzen würden durch zu breite, zu niedrig dosierte und zu lange Therapien in Klinik und Praxis begünstigt, sagt Dr. Rainer Höhl, Mikrobiologe am Klinikum Nürnberg. Hygieneprobleme, die gewissenlose Kontamination der Umwelt und eine schleppende Diagnostik leisten Resistenzbildungen zudem regelrecht Vorschub, so Dr. Höhl. Ob im klinischen oder ambulanten Bereich: Es muss wesentlich sorgfältiger auf die Qualität der Verordnung geachtet werden.

Weitere Informationen und Bilder erhalten Sie auf https://www.presseportal.de/pm/67141/4231757 und www.eppendorferdialog.de

Der Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik ist eine wichtige Instanz innerhalb der gesundheitspolitischen Diskussion. Die Debatte sorgt seit 2006 dafür, dass sich diejenigen, die unmittelbar an der Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems partizipieren, kritisch mit aktuellen Fragestellungen auseinandersetzen. Auf Augenhöhe begegnen sich bei den regelmäßigen Debatten Experten aus allen Bereichen des Gesundheitswesens, um ein aktuelles Thema interdisziplinär zu beleuchten.

Kontakt
Eppendorfer Dialog zur Gesundheitspolitik
Maja Timm
Stormarnplatz 1
22393 Hamburg
040 480 73 81
timm@beckundpartner.de
http://www.eppendorferdialog.de

Hasselwander-PR

PR-Neuigkeiten: Das individuelle Partnernetzwerk

Recent Posts

Baugrundstück auf Rügen nahe der Ostsee 423 m² für nur 99000,00 €

Baugrundstück ca 200 m zum Ostseestrand Nur noch ein Baugrundstück am Meer zu verkaufen Das…

6 Stunden ago

Du bist nicht machtlos

In Podcastfolge 3265 zeigt Ernst Crameri, warum Veränderung bei der eigenen Haltung beginnt und weshalb…

7 Stunden ago

achelos auf der it-sa 2026

Security Engineering und Beratung für PKI und IAM im Fokus (Bildquelle: achelos GmbH)achelos präsentiert auf…

12 Stunden ago

Befragung unter 188 Heilpraktiker:innen: 99 Prozent würden menoelle® Kolleg:innen weiterempfehlen

Zum Weltmenopausetag am 18. Oktober: Heilpraktiker:innen schätzen das natürliche Konzept und berichten von zufriedenen Patientinnen…

14 Stunden ago

Du zahlst entweder für deine Ziele oder für dein Mittelmaß

In Podcastfolge 3264 zeigt Ernst Crameri, warum Erfolg und Stillstand beide ihren Preis haben und…

17 Stunden ago

BEST IN CLASS AWARD 2027: Das sind die besten Elektroautos des Jahres

Gewinner des BEST IN CLASS AWARD 2027 bei der Verleihung im Rahmen des e4 Testival…

1 Tag ago